Das schwarze Loch

Das schwarze Loch

Vor einigen Jahren gab es die Schlagzeile: „Erstes Foto vom Schwarzen Loch“. Das inspirierte mich auf meinem Smartphone eines zu malen. Ich malte noch eine Hawking-Strahlung dazu und das Bild war perfekt. Das Bild Ich hängte ich in mein Wohnzimmer. Aber gelegentlich wird das Bild falsch interpretiert. Dies hat mich zu folgendem Text inspiriert…

Ich wollte nur ein schwarzes Loch malen, der Inbegriff der Bedeutungslosigkeit, ein Bild über Informationsvernichtung. Aber diese blöde Hawking-Strahlung, machte alles kaputt. Darum musste ich ein Hinweisschild anfertigen. Hier zu sehen (auf einem kleinen Hinweistäfelchen neben dem Bild):

„Ein Schwarzes Loch mit Hawking-Strahlung. (Eindeutig. Nicht, dass noch etwas biologisch fehlinterpretiert wird – das wäre völlig daneben.)“

Ich weiß genau, was ich beim Zeichnen im Kopf hatte: Ein Schwarzes Loch. Bedeutungleere. Hawking-Strahlung. Einen Ereignishorizont – sonst nichts. Darum verbiete ich mir Fehlinterpretationen. Und ja, ich weiß, was Sie jetzt denken: „Warum ist die Hawking-Strahlung ein langgezogener Faden mit… einem Kopf?“ Ganz einfach: „Das ist das kein Kopf. Ich musste den Pinsel neu ansetzen und an der Stelle war die Farbe halt ein wenig dicker.“

Dann geschah es. Eine bebrillte Kunstdozentin hob den Zeigefinger, lächelte wissend, und erklärte ihren Studentinnen: „Aha, eine Eizelle. Ein sublimes Symbol der Fruchtbarkeit. Ganz im Sinne Freuds – die Libido ins Kosmische erhoben.“

Ich trat vor, mit fester Stimme, ohne zu zögern:

„Raus.

Aus meinem Museum.

SOFORT.

So etwas Ordinäres, wie ihre libidinösen Assoziationen, verbiete ich mir hier in meinen sakralen Hallen!“

Ich setzte die komplette Gruppe – samt und sonders ihres Versuches mein Bild zu entweihen – vor die Türe. Sie hatten es sich erlaubt ein Symbol der Vernichtung ein Symbol der Schöpfung fehlzudeuten!

Ich sah mir mein Gemälde nochmal fürsorglich an, das violette Schnürchen zuckte ein wenig. Aber das Universum konnte aufatmen. Ich hatte die Deutungshoheit zurück

– Ähnlich, als wenn man sich heimlich umziehen möchte und mit halb heruntergelassener Hose noch mal ruft: „Jetzt bitte nicht umdrehen!“ Um dann in einem tobsuchtsartigen Anfall die Blicke der anderen zu verurteilen.

Doch plötzlich gebar das schwarze Loch ein ganz neues Universum. Verzweifelt versuchte ich es aufzuhalten – das Universum zurück in den Uterus zu schieben. Aber ich war machtlos, ich konnte seine Expansion nicht stoppen.

Hektisch versteckte ich es in einem Weidenkörbchen. Nur noch schnell, bevor die Kunstdozentin mit ihrer Hornbrille und ihren vaginalen Deutungen durch die Hintertür zurückkam.

Als sie kam tat ich unwissend. Und hoffte insgeheim, die Expansion würde uns nicht verschlucken – denn dies hätte mich entlarvt.

So lockte ich die Dozentin unter einem Vorwand in einen Nebenraum, verriegelte die Türe und mit ihr das Ungeheuer im Weidenkörbchen. Das war nun ihre Expansion, ihre Sache und ihre Deutung. Soll sie doch alleine von dem Universum verschluckt werden. Nicht mein Problem. Sie hatte das Bild entehrt, also soll sie sich auch um ihr Kind kümmern und das Universum großziehen.

Mein schwarzes Loch sah wieder ganz unschuldig aus. Ich, Hohe Priesterin der Bedeutungslosigkeit, hatte nun die sakralen Hallen mit eisernem Kehrbesen ausgefegt.

Aber die Museumswächterin in mir blieb auf der Hut! Denn ich wusste längst: Die Hawking-Strahlung war schuld, sie hatte das Bild klammheimlich inseminiert. Aber ich konnte nicht zulassen, dass dies jemand aussprach. Und wenn doch, dann bekam er von mir ein Universum untergeschoben. Soll sich doch Steven Hawking darum kümmern.

Ein kleines Hinweistäfelchen am Textende: Dieser Geschichte ist metametaphorisch zu betrachten und will nicht falsch interpretiert werden.


Der Text will unter anderem sagen: So ein Universum ist viel Verantwortung. Am Anfang sind sie noch ganz klein, aber oft verschwiegen: Die wachsen noch und können ganz schön groß werden. Vielleicht geht es aber auch darum: Kontrolle, Scham, Repression generieren oft genau die Bedeutung, die sie eigentlich verbergen wollen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert