Einst lebte ein Junge, der aus einer Musikerfamilie kam. Als er noch ganz klein war, setzte man ihn an ein Klavier, er sollte ebenfalls Musiker werden, Klavierspielen lernen. Man beobachtete ihn streng, jeden Moment seines kindlichen Spielens: Tonhöhe, Tempo, Takt. Doch wieder und wieder, spielte er falsch, griff in die falschen Tasten. Man musste ihn streng zurechtweisen. Sein Vater sprach: „Junge, du stammst aus einer Musikerfamilie! Warum hast du ein C gespielt statt ein D? Du hast ein Notenblatt vor dir und du kannst lesen! Warum machst du es trotzdem falsch? Wir haben dir alles vermittelt: Musiktheorie, Notenlesen, Disziplin. Und trotzdem greifst du in die falschen Tasten. Ich bin sehr enttäuscht, man muss dir fast Absicht unterstellen!“

Der Vater gab ihm eine schallende Ohrfeige. Denn er selbst hatte das Musizieren unter weit ungünstigeren Voraussetzungen gelernt. „Meinst du, du kannst Pianist sein, wenn du so spielst? Bach wäre entsetzt!“ Der Junge weinte bitterlich, aber sein Vater sagte: „Kind, ich mache mir nur einfach Sorgen um dich!“

Da versteinerte der Junge innerlich. Denn er kannte das Notenblatt und spielte dennoch falsch. Er konnte es selbst nicht erklären. Vielleicht stimmte etwas nicht mit ihm. Ab sofort spielte er ganz genau. Nur noch mit zwei Fingern. Langsam, aber präzise. Zwar spürte er die Musik nicht mehr, ganz ohne Emotionen – aber er machte auch keine Fehler mehr. Mit der Zeit wurde er sogar besser, glatter. Nur: Sein Auge zuckte, und beim Spielen hatte er einen fürchterlichen Kloß im Hals. Nach dem Klavierspielen fühlte er sich oft beschämt und schmutzig – nicht weil er einen Fehler gemacht hatte, sondern weil er wusste: In Wirklichkeit liebte er Bach nicht, eigentlich liebte er überhaupt nichts.

Aber ganz tief im Innersten war da ein Schrei: „Lass alles raus! Einfach mal drauf los spielen, ohne Bewertung, ohne Regeln, ohne Noten. Vielleicht eine Note auslassen. Oder mit der linken Hand einen verbotenen Akkord anschlagen!“ Aber das wäre natürlich nicht im Sinne Bachs gewesen. Außerdem hätte er dabei womöglich falsche Klänge produziert. Und wer Klavierspielen lernen will, muss vor allem perfekt sein. Und so versuchte er diesen Gedanken von seinen Händen zu schrubben, bis die Haut ganz rot war.

Doch eines Tages – sein Vater war nicht zu Hause – setzte sich der nun junge Mann heimlich ans Klavier. Er ließ alles raus, spielte heimlich Jazzmusik. Der innere Druck war zu hoch, er konnte nicht widerstehen. Er fühlte sich schlecht dabei, tat es trotzdem immer wieder. So entwickelte sich eine Spaltung in ihm. Aber das schlechte Gewissen stumpfte mit der Zeit ab. Bis er schließlich so weit war, dass er sich sagte: „Es ist mir egal, ob Bach mich mag – Hauptsache, ich bin ich.“ Aber gleichzeitig wollte er seinen Vater nicht enttäuschen. Und so führte er weiter ein Doppelleben.

Einige Zeit später bewarb sich der junge Mann als Konzertpianist in ein sehr spezielles Konzerthaus. Es war wunderschön, ordentlich und rein. Es war ganz der sakralen Musik Bachs gewidmet. Alle Musiker in diesem Haus wussten um die Ehre, im Bachhaus musizieren zu dürfen. Und alle waren sehr glücklich über dieses Vorrecht. Doch das Paradies war fragil. Man musste die Musiker kontrollieren – denn ohne Kontrolle kein Paradies. Und so fragte der Konzertintendat des Hauses den jungen Mann, der sich bewarb: „Sind deine Töne rein? Was für Musik spielst du – und welche hörst du? Und deine Gedanken, sind auch sie so rein wie deine Musik? Vielleicht redest du dir ein, sie seien rein, aber heimlich fühlst du manchmal ganz anders… Vielleicht nachts in deinem Bett, wenn du meinst, dich sieht niemand – hörst du da verbotene Musik in deinen Gedanken?“

Der Intendant hatte jedoch selbst einen Kloß im Hals, zittrige Hände und war ganz verkrampft, als er das aussprach. Denn schwer waren die Laster, über die er zu sprechen gezwungen war. Der junge Mann fing jedoch laut an zu lachen. Er lachte so sehr, wie er noch nie zuvor gelacht hatte. Es war das befreiendste Lachen, das er sich je erlaubt hatte. Dabei wurde der Intendant röter und röter. Er wäre am liebsten im Erdboden versunken – konnte aber nicht weglaufen.

Da fragte ihn der junge Mann: „Warum der Kloß in deinem Hals? Warum dein Erstarren? Warum so rot? Ist das Laster über das du sprichst so schwer – weil es vielleicht dein eigenes Laster ist? Schämst du dich vielleicht vor dir selbst?“ Er antwortete: „Nein – welch unerhörte Frechheit!“ Seine Stimme bebte vor Wut.

Aber nachts weinte er sich in den Schlaf, als wieder die Bilder hochkamen: Wie er heimlich unerlaubte Tasten gedrückt hatte. Er fühlte sich ganz unwürdig und schmutzig. Doch konnte er mit niemandem darüber sprechen. Was hätte das für ein Bild ergeben? Der Konzertintendant – wie er sich nicht beherrschen kann?

Doch der junge Mann fühlte sich ganz frei. Immer wieder ging ihm das Erröten des Intendanten durch den Kopf, und er musste wieder lachen. Er stellte sich vor, wie dieser heimlich falsche Tasten berührt– um sich danach zu schämen zu bereuen und zu beteuern, das niemals getan zu haben.

Und da plötzlich wurde ihm klar: Bach war gar nicht das Problem. Er war eigentlich noch nie das Problem. Denn dieser hatte weder etwas gegen Jazz noch gegen Improvisation. Er war nicht nur der Mathematiker unter den Komponisten – er war auch selbst kreativ und unorthodox. Also schrieb er einen Brief an Bach und erzählte ihm genau diese Geschichte. Und selbst Bach – musste herzhaft über den Konzertintendanten lachen.

Ein paar Fragen zum Nachdenken:

Vermittle ich meinem Kind, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen – auch moralische?

Dass Fehlverhalten nicht immer Zeichen von Bosheit ist, sondern oft ein Teil des Lernens?

Gilt das auch für die Sexualentwicklung?

Bin ich mir bewusst, dass mit der Pubertät ganz automatisch starke sexuelle Empfindungen entstehen – die mein Kind weder einfach abstellen noch vollkommen kontrollieren kann?

Und frage ich mich manchmal:

Was passiert, wenn ich dennoch ein Ideal vermittle, das 100%ige Selbstkontrolle fordert?

Bin ich mir der möglichen Folgen bewusst?

  • Neurosen
  • Zwangsgedanken
  • Spaltungen im Selbst
  • heimliche Doppelleben

Das ist kein vages Bauchgefühl.

Das ist psychologisch zwischenzeitlich unbestritten.