Die Murmuration

Die Murmuration

Im kalten Norden zog der Winter langsam auf – und mit ihm versammelten sich die Stare. Nicht aus Instinkt allein, sondern aus Erinnerung. Erinnerung an Wärme, an eine verschwommene Sehnsucht tief in ihrem Innern, die sie jedes Jahr packte und in den Süden trieb. In perfekten Gebilden, kreisenden Wellen, pulsierenden Adern und oszillierenden Rhythmen vereinten sich die Vögel zu einem einzigen, atmenden Körper. Was oberflächlich chaotisch wirkte, war ein Schwarm – die Murmuration. Sie lebte.

Doch einige blaue Vögel, in ihrer Hybris, schlossen sich nicht an. Und so kam es – nach und nach – zur Spaltung. Manche Stare verloren sich ganz, andere schlossen sich diesem Schwarm an, wieder andere jenem. Um dem Chaos zu entgehen – und weil niemand mehr wusste, wo genau der Weg nach Süden lag –, ernannten die Vögel Führer, die für Ordnung sorgen sollten.

Fortan flogen sie nicht mehr in freiem Tanz, sondern geordnet wie beim Militär: Generäle, Offiziere, Unteroffiziere. Jeder funktionierte. Jeder hatte seine Rolle. Eine Befehlskette, ausgeklügelt bis ins Kleinste. Es gab detaillierte Fluganweisungen, von ganz oben bis ganz unten. Das Gebilde wirkte starr, fast hölzern – doch der Geist der Murmuration schien noch da zu sein. Und was für erstaunliche Flugleistungen brachte er hervor!

Denn sie waren nicht allein. Wenn schon Gott nicht einmal einen Spatz vergisst, der tot zu Boden fällt – wie viel weniger würde er ihre Mühen ungesehen lassen? Und so erhob sich das hölzerne Konstrukt zur langen Reise gen Süden. Würde nur ein Quertreiber ausscheren, müsste man ihn ausschließen – zu groß war die Gefahr für den ganzen Verband. Dafür war er nicht gebaut.

Aber es kam, wie es kommen musste. Einige Vögel wurden müde, andere schwach, wieder andere unruhig. Ein neugieriger blauer Vogel wagte sich über die Formation hinaus – er wollte von oben schauen: Würde es wirklich noch wie eine Murmuration aussehen? Doch das war nicht vorgesehen.

Die Generäle und Offiziere taten, was sie konnten. Das Ziel war nah, sie spürten es klar. Sie kämpften gegen Wind und Wetter, führten, ermahnten, motivierten, korrigierten. Kilometer um Kilometer trugen sie die Formation voran – in der Hoffnung auf das baldige Ziel.

Bis es geschah. Ein weiterer, fremdartig blauer Vogel hatte sich eingeschlichen. Ein Judas. Das Gebilde war fragil und musste vor Verrat geschützt werden! Sie pickten nach allen Abweichlern – Ordnung musste sein!

Doch da sagte ein weiterer, frecher blauer Vogel: „Soll es die ganze Welt wissen!“ Die Offiziere riefen: „Schweig still! Sonst bringst du Aufregung. Andere könnten am Geist der Murmuration zweifeln – und Aufregung bringt Chaos!“ Da sagte der kleine blaue Vogel: „Aber wirkte der Geist der Murmuration nicht immer schon auch in Aufregung und trotz Chaos? War es nicht so selbst in unseren heiligen Büchern? Hätten wir Propheten gebraucht, ohne das Chaos? Wenn es keine Dunkelheit mehr geben darf, obwohl wir alle nur kleine Vögel sind – wo ist dann das Licht?“

„Nein! Murmuration ist Ordnung!“ pickte ein Schnabel. „Nur so funktioniert sie!“ Einige Vögel zwitscherten noch eine Weile über den Begriff Murmuration. Doch schon in diesem Zwitschern lag eine gewisse Gefahr – denn wie jeder weiß: Murmurationen fliegen nur, wenn alle dasselbe Lied singen. Und so bildete sich eine der größten und schönsten Murmurationen, die je über Rom gesehen wurden. In perfekten Kanten, in leuchtendem Grau, synchron eine Dur-Tonleiter pfeifend, direkt aus ihren Herzen – flogen sie, immer geradeaus und niemals zurück. So etwas konnte nur die wahre Murmuration schaffen!

Doch der kleine blaue Vogel sprach: „Wenn jede kleine Abweichung eine Gefahr ist und deshalb bekämpft werden muss, ist es dann noch eine Murmuration oder eher eine Flugformation?“

Ein paar Fragen zum Nachdenken

Wie viel Stresstoleranz hat mein System?

In jedem System passieren Fehler – und zwar auf jeder Ebene. Die Frage ist:

Werden diese ausreichend reflektiert? Können sie offen ausgesprochen werden?

Fragile Systeme neigen im Bestreben, sich selbst zu schützen, manchmal dazu, Probleme nicht offen zu benennen. Doch als Gedankenanstoß: Die Bibel verschweigt keine Fehler, auch nicht die von Führungspersonen. Sie berichtet von Lot, der mit seinen Töchtern Kinder zeugt, von David, der Ehebruch begeht und mordet, von Mose, der versagt und Gott nicht die Ehre gibt. Auch das Volk Israel scheitert wiederholt, und Daniel bekennt sogar die Schuld des ganzen Volkes.

Trotzdem sagen wir nicht: „Das ist ein Grund, die Bibel abzulehnen.“ Im Gegenteil: Gerade diese Offenheit gilt als Zeichen ihrer Inspiration.

Darin liegt auch ein Aufruf an uns: zu mehr Ehrlichkeit, mehr Reflexion, mehr Mut, Dinge beim Namen zu nennen – nicht, um zu zerstören, sondern um Raum für Heilung und Wahrheit zu schaffen.

Denn wir alle sind unvollkommene Menschen – und deshalb sind auch unsere Systeme nicht vollkommen. Aber das heißt nicht, dass Gottes Geist darin nicht wirken kann. Im Gegenteil: Vielleicht wirkt er genau dort am stärksten, wo wir es wagen, ehrlich zu sein.

Noch ein Punkt zum Text: Die blauen Vögel sind keine Helden. Zu Beginn führt ihr aus-der-Reihe-tanzen zu einer Spaltung. Später im Text jedoch zu einer Gewissenshaltung. Das zeigt: aus-der-Reihe-tanzen ist nicht per se etwas Gutes, aber auch nicht per se etwas Schlechtes.


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