Es war einmal ein Buch mit biblischen Geschichten. Der Vater las jeden Abend seinen drei Kindern eine der Geschichten daraus vor. An diesem Abend war es die Geschichte von Lots Frau.
„Gott warnte Lot und seine Familie: „Sodom wird zerstört werden. Flieht in die Berge, bleibt nicht stehen, und dreht euch nicht um zurückzublicken, damit ihr nicht mit der Stadt untergeht!“ Doch Lots Frau hörte nicht auf die Stimme Gottes. Sie warf einen Blick zurück. Und im selben Moment schlug Gott sie – und sie erstarrte zur Salzsäule.“ So beendete der Vater mit strenger Stimme die biblische Erzählung.
Die zwei älteren Geschwister sagten: „Ja, recht so! Hätte sie halt gehört und sich nicht umgedreht. Selber schuld!“ Aber das jüngste Kind schwieg. Denn es wurde genau in diesem Moment selbst zur Salzsäule – innerlich. Denn dies war die gerechte Strafe für den kindlichen Ungehorsam, den es Tag ein Tag aus gegen Gott und gegen die Eltern verübte. Denn wenn man zu dem Kind sagte: „Nicht hinschauen!“ dann schaute es doch nur aus neugierigem Reflex. Und eigentlich wusste es längst: Nicht nur gegen die Stimme der Eltern – selbst gegen die donnernde Stimme Gottes würde es nicht bestehen. Es war kein Kind, das für das Paradies gemacht war. Denn obwohl es wusste, was verboten war – trieb es doch das Falsche. Nicht aus Unwissenheit. Nein, es sündigte bewusst, denn es war ja nicht bewusstlos, wenn es ungehorsam war. Und wer bewusst sündigt, wird zur Salzsäule. So stand es geschrieben – nicht in einem Buch, sondern im Geiste des Kleinkindes. Aber natürlich war es selbst Schuld, dass es die Geschichte so interpretierte. Es war einfach irgendwie falsch, das Kind.
Die anderen Kinder überlebten die gerechte Strafe Gottes. Doch auch an ihr Herz war Torheit gebunden. Und so stritten sie sich eines Tages um ein Spielzeug. Keines wollte nachgeben. Da schrie die jüngere Schwester: „Du blöder Idiot! Das ist mein Flugzeug – gib es her!“ Doch besonnen griff der Vater ein, nahm das schreiende Kind beiseite und sprach in zurechtweisendem Ton: „Jesus sagte einmal: Wer zu seinem Bruder sagt: ‚Du Narr‘, wird der feurigen Gehenna verfallen sein.“ Und augenblicklich wurde das zornige Kind entrückt in das ewige Feuer der Vernichtung. Denn es wusste: Hier war sein Platz, seine Wut passte gut zur Hitze des Feuers und dort sollte es enden. Die Bibelworte waren eindeutig. Der Vater hatte gut gehandelt. Nicht sein Fleisch und Blut war ihm lieb – sondern die Gerechtigkeit Gottes. Und so musste er auch sein zweites Kind dem Tod übergeben.
Doch noch war ein Kind da, ein letzter Hoffnungsschimmer. Nicht unschuldig, aber unterwürfig immerhin – so, wie es sich gehörte. In einem schwachen Moment jedoch zerbrach es eine teure Vase. Doch darauf angesprochen log es: „Das war nicht ich.“ Aber der Vater wusste, dass das nicht stimmen konnte. Denn die anderen Kinder waren ja bereits mit dem Tod bestraft worden. Und so musste er den schmerzlichen Weg gehen – auch sein letztes Kind tadeln: „Es waren einmal Ananias und Saphira. Sie wurden nach einer Sache gefragt – aber statt die Wahrheit zu sagen logen sie nur um besser dazustehen. Aber Gott kann man nicht anlügen, deshalb strafte er sie – und augenblicklich fielen sie tot zu Boden.“
Und so geschah es auch mit dem dritten Kind. Wie von einem Blitzschlag getroffen, noch Tränen der Angst in den Augen, wurde ihm klar was es da getan hatte. Es hatte gelogen, obwohl es wusste, dass dies eine schwere Sünde ist. Und in seiner Schuld fiel es tot zu Boden. Es viel in einen Abgrund, den Abgrund seiner eigenen Lüge. Es fiel tiefer und tiefer in sein eigenes Unterbewusstsein, bis jeder Lebensfunke erlosch.
Aber der Vater fing das Fallen nicht auf, wenn es ihn auch innerlich zerriss. Weil er anders war als seine Kinder – er musste anders sein – besser, gerechter – um selbst der Strafe zu entgehen. Denn er versuchte nicht, das Urteil das über seine Kinder gefällt wurde in Frage zu stellen. Denn als Aarons Söhne starben, durfte Aaron nicht trauern. Es war das Gebot Gottes. Denn Trauer hätte das Urteil in Frage gestellt.
Und weil er standhaft war, loyal und sich nicht durch sein eigenes Herz betrügen lies – wurde der Vater selbst zur Salzsäule. Denn wer innerlich stirbt, der versteinert. Doch er erwachte langsam – gefangen unter einer dicken Kruste aus Salz. In einem tiefen Abgrund der Dunkelheit, das einzige aufleuchten durch Feuer das kein Licht verströmte.
Er konnte sich nicht rühren und nur in seinen verzweifelten Gedanken rufen: „Niemand würde wollen, dass die eigenen Kinder wegen solcher Taten sterben! Und ich habe meine Kinder nicht getötet! Ich habe ihnen nur gezeigt, was die Bibel sagt. Darum verdiene ich die Strafe und dieses Gefängnis nicht!“ Aber eine Stimme aus dem Himmel sprach, nicht laut, aber unerbittlich: „Und warum hast du dann diese Geschichten deinen Kindern erzählt? Warum erzählt man Kindern, wie ihre Sünde durch den Tod bestraft wird, wenn man es für unmenschlich und grausam hält Kinder mit dem Tod zu bestrafen? Hälts du es für gerecht, Kindern mit dem Tod zu drohen? Oder hältst du es nicht für gerecht – tust es aber trotzdem? Dann bist du selbst innerlich tot. Oder ist es weil du glaubst, dass selbst wenn es ungerecht ist, der göttliche Wille geschehen muss?
Dann soll es auch so sein: Denn das Bild, das du dir von Gott machst, wird auf dich zurückfallen. Und du wirst den Tod deiner Kinder ertragen, den du selbst prophezeit hast. Darum verdamme ich dich, in diesem Gefängnis zu leben, dessen salzene Gitterstäbe du selbst geschmiedet hast.“ Der Vater verstummte. Und zum ersten Mal in seinem Leben brach er in echten Tränen aus. Ihm wurde bewusst, er hatte seine Kinder getötet. Nicht Gott hatte sie getötet. Immer wieder sah er sie sterben vor seinem geistigen Auge, aber er war gefangen und konnte nicht zurück. Mit jeder Träne, mit jedem Schluchzen bildeten sich Risse, Risse in seinem eigenen Weltbild. Also unterdrückte er die Tränen, denn Risse waren gefährlich. Die Salzkruste war nicht ein Gefängnis, sie war ein Schutzpanzer.
Auch die kleine Salzsäule neben ihm, seine dreijährige Tochter, blieb stumm. Unbewegt. Versteinert. Denn sie fühlte nichts mehr. Aber sie wusste auch nicht, um ihr Schicksal. Sie litt ohne zu leiden. Aber eines Tages sah sie in der Ferne einen Vogel schweben, er kreiste durch die Luft und schien fast schwerelos. Da wurde ihr selbst ganz schwer ums Herz. Je schwerer ihr Herz wurde, desto poröser wurde ihr Salz. Aber erst als ihr Herz so schwer war, dass sie ihre längst vertrockneten Tränen vergießen konnte, wurde sie langsam frei. Das erste Mal fühlte sie sich wieder lebendig, leidend aber immerhin lebendig leidend.


Ein paar Fragen zum Nachdenken:
Wie wirkt auf dich die Geschichte von Lots Frau – wenn du sie mit den Ohren eines vierjährigen Kindes hörst?
Würdest du sofort verstehen, dass es in der Geschichte nicht um dich geht?
Oder käme vielleicht an: „Wer sich einmal umdreht, stirbt.“
Was passiert, wenn Ungehorsam mit dem Tod verknüpft wird – sofort, ohne Erklärungen, ohne Einordnung?
Wie oft warst du als Kind ungehorsam?
Wäre es wirklich so unplausibel, dass ein Kind denkt:
„Dann habe ich den Tod verdient.“
Und was ist mit Aussagen wie:
„Wer bewusst sündigt, kann kein Freund Gottes sein.“
Versteht ein Kind, was damit gemeint ist?
Ich habe als Kind oft „bewusst“ gesündigt – weil ich wusste, was als falsch galt, und es trotzdem nicht immer richtig gemacht habe.
Es war kein Reflex. Kein Unfall. Ich war dabei ganz wach. Ganz ich.
Was hätte ich also denken sollen? Dass ich von Gott verworfen bin?
Vielleicht sollten wir die Fragen der Kinder ernster nehmen.
Nicht, weil sie die besseren Theologen sind –
sondern weil sie spüren, wann eine Geschichte nicht nach Gnade klingt, sondern nach Angst.


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