Es war einmal eine junge Frau. Sie war fromm, geistig – und noch sehr jung, erst vierzehn, jung und hübsch. Sie wollte rein bleiben bis zur Ehe, denn sie wusste: Sexuelle Verfehlungen waren die schlimmsten Sünden. Nur Mord war schlimmer. Ja, auch für Jugendliche. So hatte sie es gelernt – oder zumindest so verstanden.
Eines Tages kam ein älterer Mann. Er wusste um ihre Naivität und verführte sie.
Ihr Gewissen schlug unaufhörlich. Was hatte sie nur getan?
Der Mann sagte: Ja, sie habe schwer gesündigt. Sie beide hätten gesündigt. Sie solle es niemandem sagen. Was würden die Leute sonst von ihr denken? So schwieg sie. Und so setzte er sie weiter unter Druck.
Lange Zeit traute sie sich nicht, jemandem davon zu erzählen, denn das Wissen um die Schwere ihrer Sünde raubte ihr sämtliche Kraft. Doch eines Tages schöpfte sie Mut und ging zu ihrem Pfarrer. Denn sie wusste: Nur er konnte helfen.
Das wolle er auch, sagte er seelsorgerisch. Aber zuerst müsse sie beantworten, ob sie sich denn gewehrt habe. Falls nicht, so müsse sie bereuen.
Und erst viel später wurde ihr klar: Sie war missbraucht worden. Und sie sollte bereuen, dass sie missbraucht wurde. Nicht gestern – sondern damals. Nicht nur durch einen Mann, sondern auch durch ein System, das mal spricht und mal schweigt.


Ein paar Fragen zum Nachdenken
- Bin ich mir bewusst, dass sexueller Missbrauch nicht zwangsläufig mit körperlicher Gewalt verbunden ist?
Wissen meine Kinder das? - Wissen meine Kinder, dass sie – unabhängig von eigenen Gefühlen oder Handlungen – niemals Sünder sind, sondern Opfer, wenn ein Erwachsener sie zu sexuellen Handlungen verführt?
- Bin ich mir bewusst, dass Aussagen wie: „So etwas darfst du niemals zulassen!“ – obwohl gut gemeint – bei einem Kind ankommen können als:
„Wenn mir so etwas passiert, bin ich selbst schuld, weil ich es zugelassen habe.“
Was, wenn mein Kind einmal überfordert ist – und sich nicht wehrt? Wird es sich mir dann noch anvertrauen können?
- Bin ich mit Täterstrategien vertraut, die auf Manipulation statt auf Gewalt setzen – wie Grooming, emotionale Vereinnahmung oder Machtgefälle?
- Ist mir bewusst, dass eine übermäßige Verknüpfung von Sexualität, Sünde und Scham genau von Tätern genutzt werden kann, um Kinder oder Jugendliche zum Schweigen zu bringen?
- Welche Angst sollte in unseren Systemen größer sein?
Die, dass ein Kind sündigt – oder die, dass es missbraucht wird und niemandem davon erzählt?
- Ist mir klar, dass mein Kind sich mir vielleicht nicht anvertraut, wenn es denkt, es habe gesündigt – und daher Schuld oder Strafe befürchten muss?
- Was kann ein religiöses System tun, damit Jugendlichen unmissverständlich klar wird:
Missbrauch ist niemals deine Schuld.
- Ist eine Aufarbeitung transparent, oder geht es eher um „Schadensminimierung“? Verweist man vielleicht lieber auf Zustände in anderen Organisationen, mit dem Hinweis, dass dies „viel schlimmer seien“?

