Hierzulande ist es vielleicht kein sehr prominentes Thema, in den USA jedoch schon:
Die Frage, ob Intelligent Design eine wissenschaftliche Alternative zur Evolutionstheorie darstellt. Diese Diskussion leidet an einer grundlegenden Verwechslung von Kategorien. Um das zu verdeutlichen, werde ich auf ein Argument aufbauen, dass stark abgewandelt in ID-Kreisen verwendet wird.
Ein gedanklicher Umweg. Ein Hochhaus lässt sich naturwissenschaftlich hervorragend beschreiben. Physik erklärt, warum es nicht einstürzt, Materialwissenschaften erklären die Belastbarkeit von Stahl und Beton, Statik berechnet Kräfte und Spannungen. Was diese Disziplinen jedoch nicht erklären können (es ist einfach nicht ihr Fachgebiet): Warum wurde es genauso gebaut, wer hat es entworfen, was hat diese Person inspiriert und ist das Haus ein Akt der Kreativität? Diese Fragen sind sinnvoll, ja oft entscheidend, aber sie gehören nicht in den Bereich der Naturwissenschaft. Sie betreffen Intentionalität, Sinnhaftigkeit und schöpferisches Handeln.
Würde ein Naturwissenschaftler je behaupten, ein Hochhaus sei durch Zufall entstanden, wäre diese Aussage sofort angreifbar: empirisch, statistisch, modelltheoretisch. Zufall ist in der Naturwissenschaft nur dort akzeptabel, wo er als Teil natürlicher Prozesse präzise modelliert werden kann. Wenn das Zufallsargument als Lückenfüller für Unkenntnis verwendet wird, dann darf dies offen kritisiert werden. (Man könnte z.B. einwenden, das in manchen Lücken, in denen früher Gott saß, heute der Zufall Platz hält).
Würde hingegen jemand sagen: „Ich kenne den Architekten“, wäre das möglicherweise eine wahre und ausgezeichnete Erklärung, nur eben keine naturwissenschaftliche. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wahrheit und Naturwissenschaftlichkeit sind nicht zwingend identisch.
Überträgt man dieses Bild auf die Biologie, wird deutlich, warum Intelligent Design in eine methodische Sackgasse führt. Die Evolutionstheorie ist wissenschaftlich, weil sie mit natürlichen Mechanismen arbeitet, Hypothesen formuliert und prinzipiell scheitern kann. Intelligent Design hingegen liefert keine Mechanismen, sondern eine Deutung: Komplexität wird als Hinweis auf Intelligenz gelesen, Zweckmäßigkeit als Ausdruck von Planung. Eine solche Deutung ist erlaubt. Sie mag philosophisch plausibel oder sogar wahr sein. Doch sie ist kein naturwissenschaftliches Modell. Man darf auch aus philosophischer Sicht eine Unvollständigkeit der Evolutionstheorie behaupten.
Sobald man diese Offenheit aber naturwissenschaftlich schließen möchte, ist man methodisch darauf festgenagelt, natürliche Ursachen zu suchen. Würde man jedoch Kreativität in die Lücke stecken, wäre es nicht mehr naturwissenschaftlich. Nicht weil wir sicher wissen, dass es keine echte Kreativität geben könnte, sondern weil sie nicht Gegenstand der Naturwissenschaft ist.
Das eigentliche Problem von Intelligent Design liegt jedoch tiefer. Seine Vertreter geraten in ein ungelöstes Dilemma. Denn scheinbar akzeptieren sie stillschweigend die Annahme ontologischer Naturalisten, der Naturalismus sei vollständig. Dann folgern sie: Wenn Design real ist, müsse es Teil der Natur sein und folglich müsse die Naturwissenschaft dafür geöffnet werden. Damit würde jedoch Gott zum Teil der Natur, wenn man nur einen Schritt weiterdenkt.
Oder sie lehnen diese Annahme ab. Dann aber entfällt der Zwang, die Naturwissenschaft metaphysisch zu erweitern und es entsteht die Frage, warum sie es dann so zwanghaft versuchen.
Aus einer angenommenen Unvollständigkeit des Naturalismus folgt lediglich, dass es mehr gibt als das, was naturwissenschaftlich erklärbar ist und nicht, dass jede wahre Erklärung eine wissenschaftliche sein muss.
Das Problem des „Design Arguments“ ist nicht, dass es falsch sein müsste, sondern dass es dort angesiedelt werden will, wo es methodisch nicht hingehört. Nicht jede sinnvolle Frage ist eine naturwissenschaftliche Frage. Und nicht jede wahre Antwort ist eine wissenschaftliche.
Hier liegt der entscheidende Fehler: Die Grenzen der Naturwissenschaft werden nicht dadurch bestimmt, was existiert, sondern sind methodisch begrenzt. Und so scheint es als ob ID-ler und ontologische Naturalisten sich am Ende in ihrem Missverständnis einig sind: Die Naturwissenschaft ist eine vollständige Erklärungsweise der Welt. Im Fall der Naturalisten ist das nachvollziehbar im Fall der ID-ler jedoch inkonsequent.
Zum Abschluss: Vielleicht braucht es keine Debatte mehr, sondern eine Hochzeit. Der ontologische Naturalist und der ID-Vertreter könnten sich monistisch im Ehegelöbnis darauf einigen, dass Gott als Naturkraft handelt. Menschen sind Teil der Natur, Menschen sind kreativ, also ist Kreativität natürlich. Ein kreativer Designer wäre dann nur ein weiterer Naturfaktor. Doch diese Hochzeit stünde nicht mehr unter göttlichem Segen, sondern eher unter folgendem Segensspruch:
„Was der natürliche kreative Designer verbunden hat, soll kein Mensch scheiden. Denn die Eheschließung ist unvermeidlich, eine Vernunftehe die beide vereint: Schließlich sind Kreationist und Naturalist beide Teil derselben Natur – jetzt sie sind ein Fleisch.“
(Die Enttäuschung wird groß sein, wenn die Braut irgendwann ihre verheimlichten metaphysischen Absichten enthüllt. Würde ihr naturalistischer Bräutigam jedoch soweit gehen, zu sagen: Ihre verdeckten metaphysischen Absichten, seien ja doch nur neuronale Zustände im Gehirn, dann wäre die Ehe perfekt.)
Ein Gedanke angelehnt an Stephen M. Barr: Man kann glauben, dass Jesus Wasser in Wein verwandelte, dies ist aber kein Gegenstand für den Chemieunterricht.


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