Schon lange beschäftigt mich die Frage, was Bewusstsein eigentlich ist. Ich erkenne durchaus, welche Stärken der Materialismus auf der methodischen Seite besitzt. Doch beim Versuch zu erklären, wie aus Molekülen oder physikalischen Prozessen plötzlich Bewusstsein entstehen soll, scheint mir ein schwer überbrückbares Problem aufzutreten. Wie soll aus einer Welt von Objekten ein subjektives Erleben hervorgehen? Warum geschieht dies scheinbar nicht bei Computern oder Robotern?
Die wohl konsequenteste materialistische Deutungsweise ist der sogenannte Epiphänomenalismus, den ich an anderer Stelle bereits versucht habe zu kritisieren. Eine etwas plausiblere Erklärung ist die Emergenztheorie. Demnach ist Bewusstsein ein emergentes Phänomen: Es geht aus der materiellen Organisation hervor, übersteigt aber zugleich die einzelnen materiellen Bestandteile.
Ich möchte dieser Idee nicht grundsätzlich widersprechen. Dennoch bleibt bei mir ein gewisser Eindruck zurück, dass hier manchmal eher ein Begriff als eine wirkliche Erklärung geliefert wird. Es wirkt ein wenig so, als würde plötzlich ein Kaninchen aus dem Hut springen. Und wenn man danach fragt, wie ein Hut ein Kaninchen hervorbringen kann, dann antwortet man mit dem magischen Wort „Emergenz“.
Natürlich gibt es auch hier interessante Ansätze. Ein Beispiel ist die Integrated Information Theory. Ihr zufolge hängt Bewusstsein mit dem Grad integrierter Information innerhalb eines Systems zusammen. Wenn Information stark miteinander verknüpft ist und sich nicht mehr auf unabhängige Teile reduzieren lässt, entsteht demnach Bewusstsein. Ob diese Theorie letztlich trägt, wird sich zeigen müssen. Ganz überzeugt bin ich bisher nicht, aber vielleicht enthält sie zumindest einen Teil der Wahrheit.
Auch in der Philosophie selbst existieren weitere spannende Ansätze. Besonders hervorzuheben ist der Idealismus. In dieser Perspektive erzeugt nicht die Materie den Geist, sondern umgekehrt: Das, was wir als materielle Welt erfahren, ist letztlich ein Phänomen innerhalb des Geistes. Diese Weltsicht wirkt in gewisser Hinsicht sogar einfacher als viele Varianten des Dualismus oder der Emergenztheorien. Und im Gegensatz zum Materialismus hat der Idealismus zumindest kein offensichtliches Problem damit, die Erfahrung von Materie innerhalb des Bewusstseins zu erklären.
Dennoch bleibt mir diese Position persönlich etwas kontraintuitiv. Das, was wir als Materie erleben, verhält sich doch sehr anders als das, was wir als Geist erfahren. Warum sollte man beides unbedingt auf denselben ontologischen Nenner bringen, nur um einen möglichst radikalen Reduktionismus zu erreichen?
Damit wären wir wieder beim guten alten Descartes und seinem Dualismus. Intuitiv erscheint mir diese Position zunächst gar nicht so abwegig. Allerdings hat auch sie einige sehr bekannte Probleme. Wenn Leib und Seele wirklich zwei getrennte Entitäten sind, warum benötigt die Seele dann überhaupt einen Leib? Sie müsste doch prinzipiell auch ohne ihn existieren können. Und vor allem stellt sich die Frage nach der Interaktion: Wie genau soll die Seele auf den Körper einwirken? Wo liegt die Schnittstelle? Warum braucht es überhaupt ein Gehirn?
Vielleicht ist der Dualismus deshalb heute eine der unpopuläreren Positionen in der Philosophie des Geistes.
Insgesamt muss man wohl festhalten: Über den eigenen Geist nachzudenken ist ein wenig so, als versuche man, sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Es funktioniert nur begrenzt. Trotzdem macht es mir zu viel Spaß, um es einfach sein zu lassen. Und so kam mir vor einiger Zeit eine etwas ungewöhnliche Idee.
Ich nenne sie die Ökologisierung des Leib-Seele-Problems.
Ein Phänomen, das im Kosmos immer wieder auftaucht, ist eine gewisse Form von Selbstähnlichkeit oder struktureller Wiederholung. Mikrokosmos und Makrokosmos weisen oft überraschende Parallelen auf. Man denke an Fibonacci-Folgen, an Zyklen oder generell an Kreisläufe und Rückkopplungen, die in vielen Bereichen der Natur auftreten.
Das brachte mich auf den Gedanken, Materie und Geist nicht als Substanzen zu betrachten, sondern, dass sie eher so etwas wie ein ökologisches System bilden könnten.
In diesem Bild bildet die materielle Welt gewissermaßen das energetische Substrat. Lebende Systeme nutzen Energiegradienten und erzeugen dabei lokale Ordnung, während sie gleichzeitig die Entropie ihrer Umgebung erhöhen. Schon Erwin Schrödinger sprach in seinem berühmten Buch Was ist Leben? davon, dass Organismen gewissermaßen „negative Entropie“ aufnehmen, um ihre eigene Ordnung aufrechtzuerhalten.
Lebewesen greifen also auf energetische Ressourcen zurück, bauen vorhandene Strukturen ab und erzeugen daraus neue Formen von Ordnung und Organisation. In gewisser Weise erinnert das an ein Substrat, in dem sich ein Pilz ausbreitet: Der Pilz nutzt die im Substrat vorhandene Energie und verwandelt sie in neue Strukturen.
Etwas Ähnliches scheint auch im Bereich des Geistes zu geschehen. Während wir als lebende Organismen weiterhin Energieflüsse nutzen und unsere Umwelt verändern, entstehen zugleich neue Strukturen auf einer anderen Ebene: Muster, Bedeutungen, Erfahrungen, Emotionen, Musik, Ideen.
Man könnte sagen: Materielle Prozesse werden gewissermaßen in eine andere Dimension von Information transformiert – in Bedeutung. Diese Art von Information lässt sich nicht ohne Weiteres in den Kategorien der Shannon-Entropie beschreiben, die lediglich statistische Information misst. Bedeutung, Erfahrung oder Intentionalität entziehen sich solchen rein quantitativen Beschreibungen zumindest teilweise.
Gleichzeitig wirkt diese geistige Ebene wiederum auf die materielle Welt zurück. Unsere Gedanken führen zu Handlungen, unsere Absichten verändern physische Prozesse. In diesem Sinne entsteht eine Art Rückkopplungsschleife, ähnlich wie sie auch in ökologischen Systemen vorkommt.
Natürlich stellt sich sofort wieder die klassische Frage: Wie soll aus Materie Bewusstsein entstehen?
Vielleicht ist diese Frage aber bereits falsch gestellt. Wenn man bei der Metapher des Ökosystems bleibt, dann bringt ein Substrat nicht einfach von selbst einen Pilz hervor. Vielmehr breitet sich ein Organismus innerhalb eines geeigneten Substrats aus und nutzt dessen Ressourcen. Beide Seiten bilden zusammen ein dynamisches System.
In diesem Sinne wären Geist und Materie nicht einfach zwei Seiten derselben Münze, Geist könnte aber nicht ohne Materie wirken. Sie stünden vielmehr in einer Art wechselseitigem ökologischen Verhältnis.
Wie unterscheidet sich diese Vorstellung nun von monistischen Konzepten wie etwa bei Spinoza?
Es gibt sicherlich gewisse Gemeinsamkeiten. Doch ein Ökosystem bleibt gerade deshalb dynamisch und lebendig, weil innerhalb des Systems Spannungen bestehen: Konkurrenz um Ressourcen, Anpassung, Effizienzsteigerung, evolutionäre Veränderung.
Vielleicht könnte man einzelne bewusste Subjekte metaphorisch als die Hyphen eines riesigen Bewusstseinsmyzels verstehen, das sich immer weiter ausbreitet, während sich das Universum zugleich thermodynamisch entwickelt.
Abgesehen davon, dass diese Idee vielleicht etwas verrückt klingt (und vermutlich auch in gewisser Weise verrückt ist) hat sie zumindest einen möglichen Vorteil: Sie umgeht das klassische Problem des cartesischen Dualismus, nämlich die Frage, warum zwei vollständig getrennte Substanzen überhaupt miteinander interagieren sollten.
Gleichzeitig vermeidet sie möglicherweise ein Problem mancher monistischen Positionen: Wenn alles letztlich vollständig identisch ist, wird es schwer zu erklären, woher Dynamik, Spannung und Entwicklung eigentlich kommen.
Und zu guter Letzt bietet dieses Bild auch ein mögliches Modell dafür, warum wir einen Teil der Welt als stabile Realität wahrnehmen und einen anderen nicht. Etwas, das ich bei vielen idealistischen Vorstellungen nicht immer gut abgedeckt sehe. So wie ein Substrat relativ klare Randbedingungen setzt und ein Myzel darauf flexibel reagiert, könnte es auch in der Beziehung zwischen Geist und Materie sein. Die materielle Welt folgt weitgehend stabilen, regelhaften Strukturen, während der Geist sich flexibel daran anpasst (und zugleich auf sie zurückwirkt).
Außerdem erkundet ein Myzel in erster Linie nicht sich selbst, sondern das Substrat, in dem es wächst. Vielleicht verhält es sich mit dem Bewusstsein ähnlich: Es richtet seine Aufmerksamkeit primär auf die Welt, aus der es hervorgeht und in der es operiert, nicht auf seine eigene Struktur.
Ökosysteme sind reale Organisationsformen in der Natur. Und wenn man bedenkt, dass sich ähnliche Muster und Strukturen auf unterschiedlichen Ebenen der Realität wiederfinden, erscheint der Gedanke zumindest nicht völlig abwegig, dass auch das Verhältnis von Geist und Materie eine Art ökologischer Struktur bilden könnte.



Leave a Reply